04/06/2021

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Die Rolle der Muttersprache beim Sprachenlernen – wichtig oder hinderlich?


Es gab eine Zeit, in der die Muttersprache im Sprachenunterricht verboten war. In einigen Schulen ist das heute noch so. Das Verbot der eigenen Muttersprache soll es ermöglichen, die Fremdsprache flüssig und natürlich angewendet zu lernen. Dabei liegt der Fokus auf dem Sprechen und der korrekten Aussprache. Doch diese Herangehensweise („Direkte Methode“ genannt) führt dazu, dass Lehrkräfte teilweise große Umwege auf sich nehmen müssen, um die Muttersprache zu meiden. Und das, obwohl eine kurze Erklärung oder Übersetzung in der Sprache der SchülerInnen doch viel effizienter und zeitsparender wäre.

Sprachenlernen wie damals als Kleinkind war bzw. ist dabei das Ziel. Doch warum den enorm großen Vorteil des bereits vorhandenen Wissens ungenutzt lassen? Durch den Vorsprung, unsere Muttersprache so gut zu kennen, gelingt das Sprachenlernen noch einfacher und schneller. Warum? Das zeigen wir Ihnen in diesem Beitrag.


Vorhandenes Wissen nutzen

Neue Informationen in unserem Gehirn werden nur nur dann gespeichert, wenn sie an vorhandenem Wissen „angehängt“ werden. Stellen Sie sich Ihr Gehirn wie ein Netz aus Wissenspunkten und tausenden Verbindungen dazwischen vor. Das Netz wird nur dann erweitert, wenn sich ein neuer Wissenspunkt mit einem bereits vorhandenen Punkt verbindet. Je mehr wir über ein bestimmtes Thema wissen, desto dichter wird das Netz und desto stärker die Verbindungen zwischen den Punkten. Um Neues, wie eine Fremdsprache, zu lernen, müssen diese Informationen also an irgendwelche alten Wissenspunkte anknüpfen. Am ehesten und leichtesten gelingt das mit vorhandenen Wissenspunkten zu anderen Sprachen, wie der Muttersprache.

Max-Planck-Forscher in den Niederlanden haben 2016 erstmals Bilder vom Gehirn aufgenommen, während Probanden gerade begannen, eine neue Sprache zu lernen. Sie verwendeten dafür eine künstliche Sprache mit realen Strukturen. Dabei fiel den Forschern auf, dass es offensichtlich wichtig für das Gehirn ist, ob die grammatikalischen Eigenschaften der neuen Sprache (in diesem Fall die Wortstellung) den grammatikalischen Eigenschaften der Muttersprache ähneln. Gleichen sich diese, greift das Gehirn beim Erlernen der neuen Sprache auf die gewohnte Grammatik zurück. Unterscheiden sich die Wortstellung der neuen Sprache und die der Muttersprache, muss das Gehirn ein neues grammatikalisches Repertoire erstellen. Erstmals haben Forscher gezeigt, dass es dem Gehirn hilft, wenn es Eigenschaften der Muttersprache beim Erlernen einer neuen Sprache wiederverwenden kann. Insgesamt zeige die Studie, dass Menschen offenbar für die grammatikalischen Strukturen einer neuen Sprache die gleichen Hirnregionen nutzen wie für die der Muttersprache.

Synapsenbildung
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Eine Fremdsprache mit der Muttersprache verknüpfen

Fremdsprachen vernetzt oder vergleicht man immer – gewollt oder unbewusst – mit der Muttersprache. Zur Demonstration nutzen wir ein Beispiel: Wenn Sie etwas Englisch beherrschen (beziehungsweise versucht haben zu lernen), antworten Sie auf folgenden Satz:

What do you think about your best friend’s mother?

Hatten Sie sofort eine Antwort parat? Wir tendieren dazu, Fremdsprachen erst mal zu übersetzen, bevor wir darauf reagieren. Dadurch stellen wir sicher, dass wir die Fragestellung oder die Aussage richtig verstehen. Speziell Erwachsene tendieren dazu, alles zu übersetzen, auch wenn sie dazu gar nicht aufgefordert werden.

Das Vorwissen über die Muttersprache zu nutzen, hat einen weiteren Vorteil: Wir lernen schneller! Vera F. Birkenbihl selbst, schreibt in ihrem Buch „Sprachenlernen leichtgemacht“: „Ein Kind, welches zum ersten Mal begreift, was mit dem Wort Ehrlichkeit gemeint ist, hat jetzt auch das Konzept (Ehrlichkeit) gelernt. Der Erwachsene aber kennt diese Idee, die hinter dem Wort steht, bereits, sodass alle Ideen (Begriffe), die auch in seiner Muttersprache vorkommen, weit schneller gelernt werden können als von einem Kind, dem die darunterliegenden Ideen selbst noch fremd sind.“

Das Kleinkind lernt also zwei Sachen gleichzeitig, während der Erwachsene schon einen Schritt weiter ist. Er weiß, was ein Baum ist und muss nur den fremdsprachigen „Code“ dafür lernen. Während ein Kleinkind fast fünf Jahre braucht, um sich korrekt und verständlich auszudrücken, schaffen das Erwachsene in einem Bruchteil der Zeit, sofern sie wissen wie. Ohne es erklären zu können, benutzen wir in unserer Muttersprache die richtige Zeitform, die passenden Vokabeln und die korrekte Satzstellung. Dieses Wissen um die Grundstruktur unserer Sprache und das sogenannte „Gefühl“ für sie können wir nutzen, um weitere Sprachen zu lernen – auch ohne Regeln auswendig lernen zu müssen.

Übrigens gilt: Je ausgeprägter die Muttersprachen-Kenntnisse, desto besser die Fremdsprachenfähigkeit.


Sind Übersetzungen nun sinnvoll oder nicht?

Wenn Sie anfangen, eine neue Sprache zu lernen, kommen Sie kaum darum herum, die Vokabeln zu übersetzen. Letztendlich ist es doch so: Wenn Sie nichts verstehen, müssen Sie irgendwo anfangen. Doch solange Sie die Fremdsprache noch nicht sehr, sehr gut beherrschen, sollten Sie von Übersetzungen von Ihrer Muttersprache in die Fremdsprache absehen! Die Zielsprache funktioniert ganz anders als Ihre Muttersprache und so sollten Sie diese auch behandeln. In Ihrer Muttersprache zu denken und diese Sätze dann in die Zielsprache zu übertragen, wird Sie langfristig nicht weiterbringen!

Statt, dass Sie einzelne Wörter übersetzen, ist es sinnvoll herauszufinden, wie man Wörter und Ausdrücke in einem speziellen Kontext benutzt. Dafür ist die De-Kodierung nach Vera F. Birkenbihl perfekt geeignet. Auch das ist eine Art Übersetzung, jedoch 1. in die andere Richtung und 2. ausnahmslos im Satzzusammenhang, also in ganzen Sätzen.


Mit der De-Kodierung Sprachen lernen

De-kodieren bedeutet „entschlüsseln“. Das Hilfsmittel dazu ist unsere Muttersprache, denn diese kennen wir in- und auswendig. Die Muttersprache dient als „Brücke“, die wir nutzen, um intuitiv und schnell zu lernen. Irgendwann benötigen wir sie nicht mehr. Vor allem zu Beginn des Lernprozesses ist das De-Kodieren wichtig, denn nur so verstehen wir die Fremdsprache wirklich und lernen gehirn-gerecht. Wie Sie selbst de-kodieren, zeigen wir Ihnen jetzt im Detail.

Beim De-Kodieren übersetzen Sie einen ganzen Satz oder Text Wort für Wort in die Fremdsprache.

Das Regelwerk der De-Kodierung

  1. Schreiben Sie die Übersetzung in die Muttersprache unter das fremdsprachige Wort.
  2. Übersetzen Sie zuerst alle Wörter, die Sie bereits kennen. Danach schlagen Sie die restlichen Wörter nach.               
  3. Verwenden Sie die Artikel-Form, Verb-Form und Fälle der Muttersprache (weiche Wort-für-Wort-Übersetzung), um im Zusammenhang des Satzes zu de-kodieren

Sie de-kodieren und praktizieren die fremdsprachigen Phänomene nach den Mustern und Regeln Ihrer eigenen Muttersprache – so genau wie möglich. Durch die Anpassung der Endungen, Fälle und Verben erleichtern Sie Ihrem Gehirn das Abstrahieren der Grammatikregeln der Fremdsprache, weil der Vergleich zur Muttersprache einfacher wird. So sehen Sie im obigen Beispiel auf einen Blick, dass im Deutschen zwar „unterschiedlichen Leuten“ entsprechend des Kasus angepasst wird, im Englischen jedoch nicht. Sie stellen damit das Neue, Andersartige in der Fremdsprache in den Vordergrund der Spracharbeit. Dadurch lernen Sie unbewusst nicht nur den Satzbau der Zielsprache, sondern auch Konjugationen (Formbildung eines Verbs), den Kasus (im Deutschen sind das die vier Fälle), die Pluralbildung, Zeitformen usw.

TIPP: Die MOVIE-Sprachkurse von Brain-Friendly basieren auf bereits de-kodierten Texten aus einer unterhaltsamen Fernsehserie. Dadurch wird Sprachenlernen zum puren Entertainment: Film sehen, De-Kodierung mitlesen und mit viel Spaß Fremdsprachen lernen. So einfach kann Sprachenlernen sein! www.brain-friendly.de

Verschlechtert sich durch das De-Kodieren Ihre Muttersprache?

Durch die De-Kodierung entsteht ein „schlechtes“ Deutsch. Dieser Einwand kommt häufig aus dem klassischen Unterrichtsbereich, ist aber haltlos, denn Sie wollen doch Englisch lernen, nicht Ihre Muttersprache. Zudem ist die Muttersprachen-Fähigkeit so felsenfest im Gehirn verankert, dass sich durch die De-Kodierung niemals eine Verschlechterung der Muttersprache ergeben wird.

Der Gedanke der 1:1-Übersetzung geht auf die automatischen Abläufe in unserem Gehirn zurück. Mit einer direkten Wort-für-Wort Übersetzung einer Fremdsprache in die Muttersprache unterstützen Sie diesen Prozess und helfen Ihrem Gehirn, die Bedeutung und Strukturen der neuen Sprache schneller zu verstehen.


Für Lehrkräfte: Kommunikation zwischen SchülerInnen unterstützt den Lernprozess

Verbieten wir den Lernenden im Fremdsprachenunterricht ihre Muttersprache zu verwenden, verwehren wir ihnen ein wichtiges Lerninstrument: die Mitlernenden. Das Plaudern und impulsive Sprechen in der Muttersprache erlaubt das eigene Verständnis des Gehörten und Gelernten zu überprüfen, nachzuhaken und andere Meinungen einzuholen. Es kann außerdem dabei helfen, Gedanken zu sortieren und adäquatere Übersetzungen und Wortbedeutungen zu finden – jene, die ihren (anstatt der des Lehrers/der Lehrerin) Lebens- und Kenntnis-Horizont näher kommen.

Die Muttersprache ist also sehr wichtig beim Sprachenlernen und sollte keinesfalls verboten werden oder ungenutzt bleiben.


FAZIT: Die Muttersprache ist der Schlüssel für die zweite Sprache. Wer seine Muttersprache beherrscht, hat den Grundstein zum Erlernen weiterer Sprachen gelegt. Sie ist solange Motor unserer kognitiven Entwicklung, bis die fremde Sprache diese Rolle übernehmen kann. Das wissen wir schon lange, und das wird immer wieder von der Forschung bestätigt.

Kim Fladda

Über die Autorin

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