25/08/2017

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Vokabeln und Grammatik – muss es wirklich sein?


Was das Hirn braucht, um sich eine neue Sprache zu merken.

„He, she, it – s muss mit“ (für die Endung der Verbformen im Englischen) oder „Auf der Oder wächst kein Gras“ (für die Unterscheidung von ou und où im Französischen). Solche Eselsbrücken und Merktipps sowie Lernkarteien und Vokabellisten versprechen eines: Möglichst schnell eine Fremdsprache lernen. Heute möchten wir herausfinden, ob diese Hilfestellungen wirklich zum besten und schnellsten Erlernen von Fremdsprachen geeignet sind. Zudem werden wir das beantworten: Muss man Grammatik und Vokabeln auswendig lernen, um eine Fremdsprache zu lernen?

Eigentlich weiß man: Das Gehirn lernt fast von alleine…

Die Forschung befasst sich seit vielen Jahren mit der Frage, was beim Fremdsprachenlernen im Gehirn geschieht. Obwohl auf diesem Forschungsgebiet noch viele Fragen offen sind, steht fest: Die allgemein bekannte Sprachlernmethode, die viele von uns noch aus der Schule kennen, ist ungeeignet. Disziplin, Drill und Pauken vermiesten ganzen Schüler-Generationen das Sprachenlernen. Dabei ist diese Methode veraltet und wird den Arbeitsweisen unseres Gehirns nicht gerecht! Bei Langeweile, Angst oder Erfolgsdruck versagt das Gehirn seine Dienste. Der Grund: Das Limbische System, das im Gehirn für Belohnungen zuständig ist, spielt nicht mehr mit. Die Zusammenarbeit der Nervenbahnen verlangsamt sich, die Konzentration auf das Lernen fällt schwerer. Trotzdem ist der Wandel im Bildungssystem schon lange ausstehend.

Hirnforscher wissen: Unser Gehirn lernt fast von alleine, sofern wir den richtigen und genügend Input zum Üben erhalten. Jede Situation, die sich nicht um das sture Lernen, sondern um andere Inhalte beziehungsweise um beiläufiges Erwerben von Aspekten einer Sprache dreht, ist deshalb für das Sprachenlernen hilfreich.

Wie wichtig sind Vokabeln?

Eine Sprache besteht aus Inhalt und Struktur. Wörter bilden den Inhalt. Aus diesem Grund ist es unerlässlich, Vokabeln zu kennen. Ohne Vokabeln bleiben einem nur Hände und Füße zur Verständigung. Für ein persönliches Gespräch muss zur Vokabelkenntnis noch die richtige Aussprache hinzukommen. Die Frage ist nur, wie man sich diese aneignet.

Wörter werden im Gehirn wie ein Netzwerk angelegt. Unzählige Verknüpfungen bilden die richtigen Phrasen und Sätze. Je besser ein Wort vernetzt ist, desto leichter fällt es einem im Bedarfsfall ein. Sprachforscher, wie Vera F. Birkenbihl, raten dazu, Vokabeln grundsätzlich nie losgelöst, also als einzelnes Wort zu lernen.

Das hat gleich mehrere Vorteile:

  1. die Vernetzung der Wörter wird unterstützt
  2. man lernt die Bedeutung der Wörter
  3. das Gehirn lernt neue Wörter leichter, wenn diese im Zusammenhang mit bereits Bekanntem stehen
  4. die Anwendung der Wörter wird klar
  5. man lernt gegebenenfalls Mehrfachbedeutungen von Wörtern
  6. der Satzaufbau bzw. die Grammatik wird nebenbei erlernt

Sprachen lernen Grammatik und VokabelnWer zum Beispiel einfach nur lernt, dass Bus auf Englisch ‚bus’ heißt, formuliert möglicherweise den falschen Satz: I drive with the bus. Lernt man das Wort in typischen Kombinationen wie I go by bus oder I get off the bus, lassen sich solche Fehler vermeiden.

Ein Beispiel für Mehrfachbedeutungen ist das englische Wort für „schließen“: Mögliche Übersetzungen reichen von to close the door (die Tür schließen) über I conclude (ich schließe daraus) bis hin zu to make an agreement (einen Vertrag schließen).

Die Birkenbihl-Methode nimmt sich diese Herangehensweise des Lernens besonders zu Herzen und verbietet sinnloses Vokabelnpauken von vornhinein. Stattdessen wird ausschließlich mit fremdsprachigen Texten gearbeitet. Dabei wird der Text Wort für Wort in die Muttersprache übersetzt und immer wieder angehört, während die Übersetzungen mitgelesen werden. Wortbedeutung, Aussprache und Grammatik wird so „in einem Aufwasch“ erlernt. Brain-Friendly hat die erfolgreiche Birkenbihl-Methode als MOVIE© Sprachkurse umgesetzt.

Dass diese Art des Lernens besonders gut auf die Lernweise des Gehirns zugeschnitten ist, zeigt die Erforschung des kindlichen Spracherwerbs: Kinder lernen in ihrer Muttersprache zunächst feste Ausdrücke und erst später einzelne Wörter. Zum Beispiel wissen sie früh, dass immer beim Zubettgehen „Gute Nacht!“ gesagt wird. Erst viel später analysiert ihr Gehirn, dass es sich um zwei voneinander unabhängige Wörter handelt.

Wie wichtig ist Grammatik?

Wer glaubt, die Grammatik nicht gut genug zu beherrschen, sollte nicht allzu betrübt sein. Zahlreiche Studien zeigen, dass Grammatikfehler für die Kommunikation nicht besonders störend sind. Das bewies Werner Bleyhl[1] in einem Text, welcher ergab, dass in der Kommunikation mit englischsprechenden Menschen kommunikative und kulturelle Fehler viel härter verurteilt werden als sprachliche. Trotzdem darf nicht außer Acht gelassen werden, dass Grammatik neben der Wortbedeutung der wichtigste Baustein einer Sprache ist.

Sehen wir uns einige Beispiele an:

Schüler sagen, Lehrer haben es gut. vs Schüler, sagen Lehrer, haben es gut.
Er will, sie nicht. vs. Er will sie nicht.
Interpunktion, also die Satzzeichensetzung – hier der Beistrich – ist wichtig, denn sie können dem Satz eine total andere Bedeutung geben. Aber auch Groß- und Kleinschreibung ist nicht zu unterschätzen:

Die Spinnen. vs. Die spinnen.
Der gefangene Floh.
vs. Der Gefangene floh.
Wie Sie hier sehen, ist Grammatik durchaus wichtig. Aber sie nützt nur, wenn Lernende Gesetzmäßigkeiten selbst entdecken. Leider lernt man in der Schule nicht unbedingt, wie man Grammatik richtig anwendet, sondern man lernt, über Grammatik zu reden. Werner Bleyhl sagt sogar, dass das ständige Pauken von grammatischen Regeln den Spracherwerb eher verhindert. Erst wenn die Lernenden umfangreich fremdsprachlichen Äußerungen und Zeichen ausgesetzt worden sind und verinnerlicht haben, kann grammatische Ordnung erkannt und genutzt werden. Für die Umsetzung bedeutet das: Grammatikregeln zu lernen macht nur dann Sinn, wenn man bereits eine gute Grundfähigkeit der Fremdsprache hat, um darauf aufzubauen. Wird Grammatik zu früh gelernt, kann es für den weiteren Lernprozess von Nachteil sein.

Grammatik kann auch einfach seinWeskamp[2] erleutert, dass das menschliche neuronale Netzwerk optimal ausgerüstet ist, um aus Beispielen und Mustern zu lernen und „Regeln“ automatisch ableitet. Das sagte auch Vera F. Birkenbihl. Sie sprach von sogenannten Neuromechanismen und publizierte die gehirn-gerechte Birkenbihl-Methode zum Fremdsprachenlernen.

Diese Fähigkeit des Gehirn kennen wir in vielen Situation des Lebens: Ein fußballbegeistertes Kind weiß genau was Abseits ist, kann es aber selten sprachlich erklären. Viele Musiker beherrschen Instrumente virtuos, ohne Noten lesen zu können. Menschen können oft meisterhaft mit Sprach umgehen, würden in einem Grammatiktest jedoch durchfallen, weil sie mit Begriffen wie „Deklination“, „Modi der Verben“ oder „starke Konjugation“ nichts anfangen können.

Moderne Lehrwerke stellen Themen, Situationen und Texte, welche die sprachlichen Formen mit sich bringen, in den Vordergrund, anstatt auf grammatische Struktur zu beharren. So auch die Sprachkurse von Brain-Friendly: Grammatikübungen gibt es hier nicht, sondern sie wird automatisch gelernt, indem ganzheitliche Texte als Grundlage des Lernens dienen.

Grammatik und Satzbau lernt man also am Besten, indem man aufmerksam fremdsprachliche Texte (Bücher, Liedtexte, Zeitschriften usw.) liest. Unser Gehirn ist clever genug, um den Rest zu übernehmen. Übrigens: In Comics erfasst man leicht Satzbauregeln.

Grammatik und Vokabeln sollten auf keinen Fall auswendig gelernt werden! Um eine Fremdsprache wirklich anwenden zu können, müssen Inhalt und Struktur gehirn-gerecht erlernt werden!


[1] Bleyhl, W.: „Sündhafte„ Verstöße. Über den Umgang mit Fehlern. In: Praxis Englisch 3, 2009, S. 44 – 45.

[2] The English Academy (TEA): Brennpunkte des Englischunterrichts. Positionen zur Didaktik und Entwicklung. Braunschweig: 2003.

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Katharina

Über die Autorin / den Autor

Content Managerin und Bloggerin Katharina Rucker beschäftigt sich seit 2011 intensiv mit der Birkenbihl-Methode sowie den Kreativtechniken und Denktools von Vera F. Birkenbihl.

Seit 2014 arbeitet sie als selbstständige Online & Performance Marketerin: www.rucker-marketing.at

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