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Lernen durch Imitation: Wie uns Spiegelneuronen nützen

Die Eltern und auch alle anderen engeren Familienmitglieder sind auf ganzer Linie Vorbilder eines Babys. Denn das Kleine erforscht neugierig die Welt und will es den Großen gleichtun. Babys lernen durch Imitation dessen, was wir ihnen vorzeigen. Dieser Drang, andere nachzuahmen, hält bis ins Erwachsenenalter an. Kein Wunder also, dass die Kernkompetenz des menschlichen Lernens nicht in der geduldigen Problemlösung liegt, sondern in der Imitation. Das bedeutet, dass Regeln lernen und auswendig lernen (etwa von Vokabeln beim Sprachenlernen) gegen die natürliche Art des Lernens spricht. Vielmehr sollten wir intuitiver und gehirn-gerechter lernen und die Imitation in den Vordergrund stellen. Als Kinder lernen wir schon von Erwachsenen die komplexesten Dinge, wie die Regeln der Sprache. Warum nicht auch in der Schule und im späteren Leben auf diese einfache Lernmethode vertrauen?


Die Macht der Spiegelneuronen

Unser Gegenüber gähnt und wir müssen automatisch auch gähnen. Wir können unsere Tränen einfach nicht unterdrücken, wenn wir einen traurigen Film sehen. Wir fühlen den Schmerz förmlich, wenn sich jemand anders mit dem Hammer auf den Finger haut. Und lachen steckt an. Dass wir empfinden, was andere empfinden, verdanken wir bestimmten Nerven in unserem Hirn – den Spiegelneuronen. Erst sie machen uns zu einem sozialen, mitfühlenden Wesen.

Spiegelneuronen sind eine Art Resonanzsystem im Gehirn. Schon wenige Stunden nach der Geburt können Babys reflexbasiert Gesichtsausdrücke nachahmen – sie blinzeln, formen einen O-Mund und stecken die Zunge raus…  Die Fähigkeit zu spiegeln wächst nicht von alleine; dazu braucht es Menschen als Vorbilder.

Mit der Entdeckung der Spiegelneuronen Anfang der 90er Jahre öffnete sich die Perspektive zum Verständnis Mensch erneut. Diesen Nervenzellen im Gehirn wurde die Basis für Mitgefühl und Intuition zugeordnet. Die damit einhergehende revolutionäre Entdeckung war, dass Lernen ohne Gefühl und Subjektivität nicht möglich ist. Die bis dahin strenge wissenschaftliche Trennung von Verstand und Gefühl, von Beweis und Weisheit, geriet ins Wanken.

Praktische Anwendung finden die Spiegelungs- und Resonanzphänomene bei kindgerechtem Lernen. Wir alle lernten unsere Muttersprache durch Beobachten und Nachahmen. Auch in der Medizin können Schlaganfallpatienten mit Lähmungen an den Extremitäten ganz offensichtlich durch Beobachten von Arm- oder Beinbewegungen das Wiedererlernen von verlorenen Fertigkeiten beschleunigen. Die Spiegelneuronen sind die neurophysiologische Grundlage für die beste Lernmethode, wenn es um Tätigkeiten geht. Diese Erkenntnisse erklären nicht nur warum Mentaltraining funktioniert.

Die Aktivität der Spiegelnervenzellen entzieht sich häufig dem Bewusstsein und ist kaum steuerbar. Sie reagieren sehr schnell, daher unbewusst, der Verstand braucht deutlich länger. Spiegelneuronen erfordern keine Aufmerksamkeit.


Wie Spiegelneuronen das Lernen unterstützen

Der Psychoanalytiker Joachim Bauer zog in seinem Buch über Spiegelneuronen („Warum ich fühle, was du fühlst“) den Schluss, dass keinerlei Lernen ohne Aktivierung der Spiegelneuronen stattfindet. Man bedenke, dass wir Jahrtausende lang Verhaltensweisen vor allem dadurch lernen und begreifen konnten, indem wir über einen längeren Zeitraum immer wieder beobachtet haben, bis wir begannen mitzumachen und es am Ende alleine ausführen konnten.

Verstehen ist kein abstrakter intellektueller Akt, es basiert viel mehr auf dem motorischen System des Gehirns. Verantwortlich für das Verstehen ist das Beobachteten, das durch Spiegelneuronen auch unbewusst möglich ist. Dabei gilt, dass das Verstehen keiner Vermittlung durch Denken, Begriffe und/oder Sprache bedarf, denn es beruht einzig und allein auf dem im Hirn abgespeicherten Akt. Basierend auf dieser Information frägt man sich doch: Warum wird uns in der Schule dann immer alles erklärt und „vorgekaut“? Sollten wir nicht „aus dem Leben“ lernen – durch Beobachtung und Imitation – und Neues besser selbst entdecken?

Die Birkenbihl-Methode (der Grundstein der brain-friendly Sprachkurse) setzt auf das Lernen durch Imitation. Durch zuhören von Muttersprachlern wird eine Fremdsprache intuitiv und gehirn-gerecht gelernt. Die wesentlichen zwei Schritte der Methode sind das Karaoke-Hören (oder aktives Hören genannt) sowie das Hintergrund-Hören (auch passives Hören genannt). Beim Karaoke-Hören widmet sich der Lernende einem fremdsprachigen Text zu dem es eine Audio-Aufnahme gibt. Zusätzlich benötigt man eine Wort-für-Wort-Übersetzung des Textes in die Muttersprache. Wie beim Karaoke-Singen also, nur mit einem zweizeiligen Text: oben die Fremdsprache, direkt darunter die Wort-für-Wort-Übersetzung in die Muttersprache. Nun hört der Lernende den Sprechern zu und liest die Übersetzung (die untere Zeile!) leise bzw. im Kopf mit. Durch das Zuhören beobachtet man. Die Spiegelneuronen arbeiten für uns auf Hochtouren. Die Übersetzungen beschleunigen den Prozess des Verstehens zusätzlich.

Der zweite wichtige Schritt der Birkenbihl-Methode ist das Hintergrund-Hören. Dabei hört man den fremdsprachigen Text – am besten Tag und Nacht – nebenbei. Dabei müssen wir uns nicht mal auf das Gehörte konzentrieren, denn die Spiegelneuronen arbeiten wieder für uns im Hintergrund. Es werden Nervenbahnen für die neuen Laute, die Sprachmelodie und den Sprechrhythmus angelegt. Nach wenigen Tagen kann man die Wörter und Sätze selbst nahezu perfekt aussprechen.

Nutzen auch Sie die Fähigkeiten Ihres Gehirns und lernen Sie gehirn-gerecht! Mehr zu den brain-friendly Sprachkursen erfahren Sie hier: www.brain-friendly.de


Und die Spiegelneuronen können noch mehr

Neben der Resonanzfähigkeit verfügen die Spiegelneuronen über die erstaunliche Fähigkeit, aus einigen wenigen Informationen, die ihnen zuteil werden, das zu erwartende Ganze in Sekundenbruchteilen so zu vervollständigen, dass uns ein intuitiver Gesamteindruck der Gesamtsituation entsteht, in der wir uns im gegebenen Moment befinden. Durch die Vervollständigungsfähigkeit der Spiegelneuronen sind wir dazu in der Lage, beim Hören einiger weniger Töne bereits die gesamte Melodie zu erkennen.

Auch diese Fähigkeit lässt sich prima für das Sprachenlerne nutzen: Auch wenn Sie nicht 100 Prozent der Wörter eines fremdsprachigen Textes verstehen, so begreifen Sie den Sinn eines Satzes. Die Lücken schließt das Gehirn automatisch; Wortbedeutungen ergeben sich aus dem Kontext und Sie lernen stätig dazu. Auch beim Grammatiklernen hilft uns die Vervollständigungsfähigkeit: So müssen Grammatikregeln nicht auswendiggelernt werden, denn das Gehirn kann Regelhaftigkeiten automatisch ableiten. Lesen/Hören Sie also genügend Beispiele des Konjunktiv II, können Sie die Zeitform automatisch anwenden. So geht es den meisten von uns in der eigenen Muttersprache – oder könnten Sie auf Anhieb einen Beispielsatz mit dem Konjunktiv II bilden?

Übrigens: Die Birkenbihl-Methode verzichtet gänzlich auf Grammatikregeln! Details zur Methode erfahren Sie hier: https://www.brain-friendly.de/einfach-sprachen-lernen-nach-der-birkenbihl-methode


Die Imitation als wirksamste Form des Lernens: Das menschliche Gehirn verfügt über verschiedene Mechanismen, die es uns erlauben Handlungen nachzuahmen. Nutzen wir diese, lernen wir leichter, nachhaltiger und schneller. In diesem Sinne: Lächle und die Welt lächelt zurück.

Content Managerin und Bloggerin Katharina Rucker beschäftigt sich seit 2011 intensiv mit der Birkenbihl-Methode sowie den Kreativtechniken und Denktools von Vera F. Birkenbihl. Seit 2014 arbeitet sie als selbstständige Online & Performance Marketerin: www.rucker-marketing.at

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